(VÖ 30.06.25) MYRKRA, VERSVS MUSIC
Ein isländisches Klangepos über Nähe, Zerbrechlichkeit und die poetische Kraft der Erinnerung.
Wenn Musik sich wie Wind über eine neblige Küste legt und Worte nicht mehr genügen, dann beginnt der Raum, in dem Myrkra lebt. Mit „Móðurhjarta“ („Mutterherz“) veröffentlicht das Projekt ein 24-teiliger Seelenzyklus, der in isländischer Sprache erzählt wird – roh, aufwühlend und durchdrungen von einer tiefen emotionalen Intuition.
Das Herz als Landschaft
Jeder der 24 Tracks ist wie eine Station auf einem inneren Pfad, ein Fragment aus einem größeren Gewebe, das sich mit Fragen von Herkunft, Einsamkeit, Aufbruch und Erinnerung auseinandersetzt. Vom ersten Titel „Eitt líf, eitt tækifæri“(Ein Leben, eine Chance) bis zum abschließenden „Ég er aldrei hrædd“ (Ich habe nie Angst) bewegt sich das Album zwischen intimen Momentaufnahmen und großflächigen Klanglandschaften, durchzogen von Stille, Elektronik, organischer Weite und melancholischer Wärme.
Track für Track – ein leiser Umbruch
Bereits „Komandi Dagar“ (Kommende Tage) klingt wie ein vorsichtiges Versprechen, während „Núll Þyngdarafl“ (Null Schwerkraft) in einer fast schwerelosen Produktion schwebt – einem digitalen Gebet gleich. „Án Anda“ (Ohne Atem) zieht einen in eine kühle, dämmernde Welt, bevor „Ævintýraeyjan“ (Insel der Abenteuer) eine kindlich-neugierige Hoffnung aufscheinen lässt.
Immer wieder trifft Poesie auf Realität, wie im tief ironischen Titel „Þegar þú pissar af þakinu“ (Wenn du vom Dach pinkelst) – ein augenzwinkernder Bruch mit der Schwere, der typisch für die Balance des Albums ist.
Das Zentrum des Albums bildet „Móðurhjarta“ selbst – eine sanft pochende Klangmeditation über Nähe, Herkunft und die unausgesprochene Sprache zwischen Müttern und Kindern. Es ist eine musikalische Nabelschnur, die nie gekappt wird.
Zwischen Licht und Schatten
Mit Tracks wie „Engin skrímsli til“ (Es gibt keine Monster) oder „Óhreinir Litlir Leyndarmál“ (Schmutzige kleine Geheimnisse) wird eine kindliche Welt skizziert, in der Schattenwesen nicht nur außerhalb, sondern auch in uns selbst leben. Diese Ambivalenz zieht sich durch das gesamte Werk – zwischen Zärtlichkeit und Zerstörung, zwischen „Fallegt Líf“ (Schönes Leben) und „Endanleg Nótt“ (Letzte Nacht).
Ein Album wie ein Gedichtband
Myrkra gelingt mit „Móðurhjarta“ nicht nur ein Soundtrack für Sehnsucht und Seelenruhe, sondern ein Gesamtkunstwerk. Die klangliche Gestaltung folgt keinem klassischen Pop- oder Ambientmuster – stattdessen wird jedes Stück wie eine eigene Kurzgeschichte inszeniert, in der Isländisch als Sprache noch einmal besonders eindringlich wirkt.
Highlights:
- Der federleichte Flow in „Léttleiki Eins og Fjöður“
- Das flirrende Samplewerk in „Flugan“
- Die Hoffnung in „Frelsi í Vindinum“ (Freiheit im Wind)
- Die stille Hymne „Orð Sannleikans“ (Worte der Wahrheit)
Das Cover von Móðurhjarta
Das Cover von Móðurhjarta ist ein visuelles Echo dessen, was die Musik transportiert: Weite, Emotionalität, Aufbruch.
In einem dynamischen, kosmischen Raum aus leuchtendem Pink, tiefem Violett und schwebenden Neonpartikeln entfaltet sich eine farbenfrohe Galaxie, durchzogen von einem sanften Lichtstrom in Gelb, Türkis und Grün – wie eine Aurora Borealis, die sich durch das All tanzt.
Die Farben wirken fast flüssig, als wären sie Teil eines Traums.Der Titel MÓÐURHJARTA ist fein und klar in einer futuristischen, fast schwerelosen Typografie gesetzt – in zartem Magenta.Am unteren Bildrand steht in ruhigem Selbstbewusstsein das Label: VERSVS.
Für sehbeeinträchtigte oder blinde Hörer:innen lässt sich das Cover als ein Gefühl von Raum und Farbe beschreiben – es ist, als würde man mit geschlossenen Augen durch eine warme, farbenreiche Galaxie schweben. Nichts daran schreit, alles leuchtet. Es erinnert an die Vorstellung eines Mutterschlags – weit, behütend, rhythmisch, sanft flackernd im Dunkel.

Das Album als Erfahrung
„Móðurhjarta“ ist kein kryptisches Kunstwerk für Eingeweihte – es ist ein offener Raum.
Ein Ort, an dem Verletzlichkeit, Fantasie und Wärme sich nicht widersprechen, sondern verstärken.
Es ist ein Album, das nicht erklären will, sondern begleiten.
Ein Lichtbogen zwischen Kindheit und Kosmos.
Zwischen der Intimität eines Atemzugs und der Unendlichkeit eines Sternenhimmels.
Man hört es nicht nur – man steht darin.
Mit klopfendem Herzen.
Mit offenen Augen.
Mit einem kleinen Stück Hoffnung mehr.

