Ich dachte, nach Rest würde Stille kommen.
Nicht als Pause, eher als Zustand.
Die Fäden lagen noch da, lose, aber sichtbar. Ich hatte gelernt, sie nicht mehr automatisch zu spüren. Und genau in diesem Moment kam etwas zurück, das sich verdächtig vertraut anfühlte – nur ohne Bühne, ohne Holz, ohne Hände über mir.
Die Krähe steht da, wo ich früher hing.
Sie hängt nicht. Sie wartet nicht.
Sie steht. Schwer. Wach.
Nicht als Zeichen, nicht als Omen. Eher als Körper. Als Gewicht.
Viele sehen Schwarz und denken an Dunkelheit.
Ich sehe Konzentration.
Etwas, das sich nicht erklärt, weil es nicht muss.
Anschlag fühlt sich an wie ein Rückfall – aber keiner nach hinten.
Die Stimme ist dieselbe, ja.
Diese langen Atemzüge, dieses Sprechen im Takt, das sich weigert, schnell zu sein.
Aber der Grund hat sich verschoben.
Früher sprach ich, weil ich musste.
Jetzt spreche ich, weil es still wird, wenn ich es nicht tue.
Die Texte sind länger geworden, nicht weil mehr gesagt werden soll, sondern weil weniger ausgelassen wird. Keine Abkürzungen mehr. Kein höfliches Verstummen. Wenn ein Gedanke losläuft, darf er rennen, stolpern, sich wieder fangen. Niemand zieht ihn zurück.
Der Bass macht keinen Raum auf – er drückt ihn zusammen.
Er ist nicht mehr Fundament, sondern Druck.
Man hört ihn nicht nur, man merkt, wie er ansetzt, bevor er kommt. Wie ein Impuls im Körper, kurz bevor etwas kippt.
Schallwellen, die nicht tragen, sondern treiben.
„Wenn ich mich höre“ ist kein Rückzug.
Es ist der erste Moment ohne Publikum.
Nicht leise, sondern ungestört.
Die Marionette hört sich selbst – und merkt, dass da nichts gezogen wird. Die Ruhe kommt nicht von außen. Sie entsteht, weil nichts mehr reinruft.
„Auf Anschlag“ ist kein Ausbruch.
Es ist der Versuch, sich nicht zu verlieren, während alles gleichzeitig spricht.
Die Kopfhörer sind kein Schutz, sie sind eine Grenze.
Zu laut, um noch erreichbar zu sein.
Zu laut, um sich zu verstecken.
Die Krähe auf dem Instrument ist kein Stilbruch, weil sie anders sein will.
Sie passt nicht, weil sie nicht dazugehören möchte.
Sie setzt sich genau dorthin, wo sonst Hände sind.
Wo Tasten gedrückt werden.
Wo Kontrolle stattfindet.
Und plötzlich ist klar:
Die Marionette ist nicht verschwunden.
Sie steht nur nicht mehr im Zentrum.
Sie beobachtet, wie etwas Neues denselben Ton trifft – mit anderer Haltung.
Anschlag ist kein Abschied von dem, was war.
Es ist das Weitergehen ohne Rechtfertigung.
Mit derselben Stimme.
Aber ohne Fäden.

Das Cover von „Anschlag“ wirkt auf den ersten Blick ruhig – und genau darin liegt seine Unruhe.
Die Krähe steht frontal auf dem Musikinstrument. Nicht im Flug, nicht im Abheben begriffen, nicht als romantisches Symbol. Sie steht. Das Gewicht liegt sichtbar auf den Krallen. Jede Feder wirkt gespannt, nicht aufgeplustert, nicht aggressiv. Eher gesammelt. Als hätte sie sich entschieden, genau hier zu bleiben.
Der Synthesizer unter ihr ist kein Dekor. Er ist Fläche, Untergrund, Werkzeug. Dort, wo normalerweise Hände greifen, Tasten auslösen, Kontrolle ausgeübt wird, steht jetzt ein Lebewesen. Die Rollen sind vertauscht: Das Instrument schweigt, die Krähe spricht – ohne Laut. Sie beobachtet, nicht das Publikum, sondern den Moment davor. Den Augenblick, bevor etwas ausgelöst wird.
Die Farbgebung in Violett und Pink wirkt künstlich, fast studiohaft. Kein natürliches Licht, kein Außenraum. Es ist ein Innenzustand. Ein Raum aus Spannung, wie ihn auch die Texte beschreiben: Gedanken unter Neon, Stimmen im Kopf, Sirenen im Bass. Die Farbe nimmt dem Schwarz der Krähe die eindeutige Zuordnung zu Dunkelheit oder Gothic. Sie wird nicht düster inszeniert, sondern isoliert. Herausgelöst aus jeder Szene, die man ihr zuschreiben möchte.
In den Texten von Anschlag wird ständig gehört, gezählt, verfolgt, gedrängt. Gedanken laufen im Kreis, Stimmen reden dazwischen, Erinnerungen tauchen in Pausen auf. Genau das tut auch die Krähe. Sie ist kein Bote, kein Omen, kein Verweis auf Tod oder Mystik. Sie ist Wachsamkeit. Konzentration. Ein Körper, der alles registriert und nichts kommentiert.
Wenn in „Wenn ich mich höre“ die Ruhe erst entsteht, als die eigene Stimme die anderen überlagert, dann ist die Krähe genau dieser Zustand: aufmerksam, aber nicht reaktiv. Präsenz ohne Aktion.
Wenn in „Auf Anschlag“ die Kopfhörer zur Grenze werden, dann steht die Krähe genau auf dieser Grenze – zwischen Klang und Stille, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.
Das Cover passt nicht zur Marionette – und will es auch nicht.
Keine Fäden. Keine Bühne. Kein Blick nach oben.
Die Marionette hing.
Die Krähe steht.
Sie ist kein Neuanfang im lauten Sinn. Sie markiert einen Punkt, an dem nichts mehr gezogen wird, aber alles unter Spannung steht. Ein Moment kurz vor dem Auslösen. Kurz vor dem nächsten Takt. Kurz bevor etwas kippt.
„Anschlag“ ist genau dieser Zustand – und das Cover hält ihn fest, ohne ihn aufzulösen.
Anschlag
01 Schnauze voll
Songtext
Alles sortiert in den Schubladen Deine Stimme Meine Schuld Jede Frage Du zählst die Fehler wie Zähne im Glas Lächelst so sauber Doch etwas frisst an dir Blicke kleben an meiner Haut Deine Worte wie Draht Kalt und laut Du sagst: "Schon wieder?" und kaust auf dem Satz Bis er bricht Bis er beißt Bis er mich ersetzt Ich spür dein Misstrauen im Nacken Wie kalter Atem Kurz vor dem Packen Du drehst an mir Als wär ich ein Schloss Fragst nach Beweisen Doch innen ist Schloss an Schloss Du jagst Gesichter in meinen Kontakten Liest jede Zeile wie Spuren im Schlamm Wartest auf ein Zittern im Text Auf ein "Du fehlst mir" Das dich bestätigt Ich hab die Schnauze voll Von deinem Jägerblick Du schnupperst an jedem Wort Als wär's Gift Das dich kriegt Ich hab die Schnauze voll Von deinem Dauerverdacht Du suchst nach Gespenstern Bis du mich wirklich verlierst in der Nacht Du misst die Pausen in meinem Reden Jede Sekunde ein angebliches Bekenntnis "Warum so leise? Warum so spät?" Dein Kalender kennt jede Minute von mir Deine Fragen stechen wie Nadeln ins Kinn "Wo warst du? Mit wem? Wozu der Gin?" Ich trink nur noch Wasser und trotzdem Schmeck ich den Vorwurf in deinem Blick Du fährst die Krallen in kleine Geschichten Verdrehst sie zu Krimis in deinem Kopf Aus einem Lachen wird altes Verlangen Aus einem Treffen ein geheimer Plot Ich wache neben dir Doch du schläfst nicht Zählst meine Atemzüge wie Beweise im Licht Schiebst mir Schatten in jedes Gesicht Das mir begegnet Auch wenn da nichts ist Wie lange noch dieses Rennen Du vorne Ich hinter dir her Oder umgekehrt Schwer zu erkennen Wir beide außer Atem Herz leer Ich hab die Schnauze voll Von deinem Jägerblick Du schnupperst an jedem Wort Als wär's Gift Das dich kriegt Ich hab die Schnauze voll Von deinem Dauerverdacht Du suchst nach Gespenstern Bis du mich wirklich verlierst in der Nacht Vielleicht willst du mich fangen Weil du glaubst Du gehst sonst fort Vielleicht hältst du mich enger Weil du nie gehalten wurdest Damals An jenem Ort Doch ich bin kein Beweisstück Keine Akte in deinem Archiv Ich bin ein Mensch mit zitternden Händen Der irgendwann einfach geht – ganz tief Ich hab die Schnauze voll Von deinem Jägerblick Du schnupperst an jedem Wort Als wär's Gift Das dich kriegt Ich hab die Schnauze voll Hörst du mein Schweigen nicht? Du jagst mich in deinem Kopf Bis nur noch Echo von mir übrig ist
Interpretation
Es beginnt geordnet – und genau das ist die Drohung: Ordnung als Kontrolle. Blick, Fragen, Pausen werden zu Beweisen, Nähe zu Überwachung.
Der Song zeigt kein plötzliches Zerbrechen, sondern das langsame Ersetztwerden: Misstrauen als Dauerzustand, in dem jedes Wort “abgetastet” wird.
Der Refrain ist kein Wutausbruch, sondern Erschöpfung mit Klarheit: nicht länger Beweisstück sein, nicht länger Material für Gespensterjagd.
02 Platzen vor Neid
Songtext
Du sagst Es gönnt sich leicht Wenn man eh alles hat Dein Lächeln viel zu glatt Wie frisch lackiertes Plastik Ich seh Wie deine Adern tanzen Wenn jemand anders glänzt Dein Blick Ein stumpfes Messer Das in jede Freude rennt Du sagst "ist mir egal" Doch deine Stimme zittert Als hätte jemand anders Deinen Namen auf Gold geschrieben Deine Hände in den Taschen Nägel im Fleisch vergraben Du lachst zu laut Zu lange Als müsstest du dich selbst erschlagen Die Luft wird dick Fast körnig Sie kratzt in deinem Hals Während du dich durchs Gerede bohrst Wie durch feuchtes Holz Und jedes leise Kompliment Das nicht an dich adressiert ist Prallt an dir nicht einfach ab Es bohrt sich ein Es nistet Du zählst Vergleiche wie Narben Wiegst sie Als wären sie wertvoll Und irgendwo hinter den Zähnen Gärt ein bitteres Brodeln Du willst platzen vor Neid Wie ein viel zu voller Kern Alles spannt Alles schreit Doch du hältst es noch fern Du willst platzen vor Neid Und du beißt dich nur fest Dein Lächeln viel zu breit Für das Was du frisst Du willst platzen vor Neid Doch du schluckst jedes Wort Bis du innen drin weißt Hier ist längst alles fort Du checkst die Listen heimlich Wer wo erwähnt Markiert Du sagst Es sei nur Neugier Doch dein Atem wird sortiert Kurze Harte Züge Als würdest du Luft raffen Die einem anderen gehört Seit er sein Ding macht und lacht Du hörst die Namen fallen Sie prallen nicht Sie häufen Sie bilden in dir Schichten Aus altem Groll und frischem Giften Jede Story Jedes Lachen Du spulst es wieder Immer wieder Zoomst dich in die kleinen Falten Suchst ein Makel Findest lieber Einen Spiegel deiner Wünsche Und der starrt dich einfach an Du sagst: "Irgendwann bin ich dran" Doch "irgendwann" klingt dünn Wie Papier über kochendem Wasser Das bald zerreißen muss Dein Herz schlägt asynchron Verschluckt zwei Takte Holt sie nach Wenn jemand dich im Nebensatz Als "ganz okay" beschreibt "Nur okay" bohrt wie ein Bohrer Langsam Aber tief Schraubt sich durch dein Selbstbild Bis nichts mehr gerade blieb Du stellst dir vor Wie es wäre Den Raum zu leeren mit einem Satz Doch dir fällt keiner ein Du kaust nur auf dem Gift Es brennt im Magen Kriecht nach oben Legt sich hinter deine Augen Sie werden glasig Viel zu hell Als könntest du den Druck verwalten Und während alle weiterreden Mischst du dein Lächeln unter ihres Kein Ton verrät Was in dir tobt Nur diese kleine Ader Die immer schneller pulst Immer schneller Bis du fast … Du willst platzen vor Neid Wie ein viel zu voller Kern Alles spannt Alles schreit Doch du hältst es noch fern Du willst platzen vor Neid Und du beißt dich nur fest Dein Lächeln viel zu breit Für das Was du frisst Du willst platzen vor Neid Doch du schluckst jedes Wort Bis du innen drin weißt Hier ist längst alles fort
Interpretation
Neid erscheint nicht als Krawall, sondern als Spannung unter Lack: zu langes Lachen, zu glattes Lächeln, Atem in harten Zügen.
Jedes Lob an andere setzt sich fest und schichtet sich. Der Track stoppt kurz vor dem Platzen: Aushalten als Selbstzerlegung.
„Irgendwann“ wird zum dünnen Halteseil – und genau daran reißt es innerlich.
03 Aus den Augen
Songtext
Deine Jacke liegt noch über meinem Stuhl Riecht nach irgendwas Zwischen billigem Mut und zu viel Nacht Du lehnst im Türrahmen Tust so Als hättest du alle Zeit der Welt Dein Blick gräbt sich ein Wie ein stumpfes Messer in weiche Haut Jede Frage von dir Ist ein alter Film Den ich längst kenne Du sagst Ich sei dramatisch Nur weil ich endlich laut denke Während du leise jede Grenze biegst Bis sie reißt Immer dann Wenn es dir passt Ich hör dich atmen Viel zu nah Als hättest du ein Recht auf jeden meiner Züge Auf jedes Zucken in meinem Gesicht Du sammelst meine Fehler wie Trophäen Stellst sie in dein eigenes Kopfmuseum Und nennst es Liebe Wenn du mich sezierst Du trägst meine Geschichte wie ein fremdes Hemd Schleppst sie durch deine Tage Ziehst sie an Wenn dir langweilig ist Und ich hab keine Kraft mehr Dir noch ein einziges Kapitel zu erklären Mein Puls hämmert gegen die Rippen So laut Dass du ihn fast hörst Aber du lachst nur leise Als wär ich eine Pointe in deinem Lieblingswitz Verpiss dich und geh mir aus den Augen Ich will dich nicht mehr in meinem Blick Du hast genug in mir geraubt Nimm dein Schweigen Nimm dein Gift und geh Verpiss dich und geh mir aus den Augen Dein Name ist mir viel zu schwer Du warst nie ein sicherer Ort Nur ein Schatten Der mir hinterherrennt Du sagst Ich übertreibe Alles halb so wild Als wäre mein Misstrauen eine Modephase Als könnte ich's einfach ausziehen Wenn du's willst Du kennst jede meiner weichsten Stellen Weil ich sie dir selbst gezeigt hab Damals Als ich dachte Jemand wie du könnte behutsam sein Jetzt nutzt du jedes Detail Wie kleine Nadeln in meinem Alltag Ein Satz von dir Und mir wird schwindlig Du tust verletzt Wenn ich die Türe zu dir schiebe Spielst den Unschuldigen Den armen Hund Der nur ein bisschen Nähe wollte Doch deine Nähe frisst mich auf Ich spür dich in den Nachrichten Die du nicht schickst In den Anrufen Die du dir verkneifst Nur um dann plötzlich aufzutauchen Mit diesem müden Lächeln Das immer erstarrt Wenn ich nicht lache Du stellst mir diese Fragen Die nie wirklich Fragen sind Sondern Fallen aus Erinnerungen In denen nur ich schlecht ausseh Deine Hände zucken Dein Kiefer mahlt Du hältst dich für gefährlich Für tief Doch alles Was ich seh Ist ein Junge im Körper eines Mannes Der gelernt hat Dass Lautsein gewinnt Und leise Schuld in die andere Ecke schiebt Ich spür Wie du gleich wieder ausweichen willst Wie du gleich wieder sagst Dass ich ja gehen kann Wenn's so schlimm ist Während du im Türrahmen bleibst Breit und langsam Damit mir klar wird Was du wirklich meinst Verpiss dich und geh mir aus den Augen Ich will dich nicht mehr in meinem Blick Du hast genug in mir geraubt Nimm dein Schweigen Nimm dein Gift und geh Verpiss dich und geh mir aus den Augen Dein Name ist mir viel zu schwer Du warst nie ein sicherer Ort Nur ein Schatten Der mir hinterherrennt Ich schulde dir kein schönes Ende Keinen Frieden Den du zitieren kannst Wenn du anderen von mir erzählst Kein sauberes Fazit Das dich reinwäscht Ich schulde dir gar nichts Keinen letzten Kuss Kein Händedrücken Keinen Kaffee zum Abschied Kein Lächeln Das dich entlässt Du kriegst genau das Was du mir gelassen hast
Interpretation
Türrahmen, Atem, Blick: Nähe wird zu Besitzanspruch. Fragen sind Fallen, Erinnerungen werden als Munition benutzt.
Der Refrain ist Grenzziehung ohne Verhandlung. Der Song verweigert ein „schönes Ende“ – kein Frieden zur Weitergabe, keine Reinwaschung.
04 Zeitschinder
Songtext
Du sagst Ich wär verbittert Zu viel Gift im Gesicht Alte Sätze in den Zähnen Und du kaust sie mit mir mit Du bleibst höflich Wenn du stichst Als wär Höflichkeit ein Schild Du erzählst mir deine Träume Nur damit mein Mund sich füllt Ich hör deine halben Wahrheiten tropfen Wie ein Leck in der Decke Nachts Du nennst es nur »Fehler im Timing Ich seh Wie du leise lachst Und dann dieses Lächeln Zu glatt Zu schnell Zu blind Du sagst Du brauchst nur ein bisschen Ich merk Wie ich langsamer bin Du bist klug im Verlängern Meister im Noch-ein-Mal-mehr Du verteilst deine Pausen wie Fallen Und sagst Es wär schwer So schwer Dumm Dass ich deine Karten kenne Und trotzdem wieder bleib Dumm Wie ich dein Schweigen deute Als wär da irgendetwas reif Du ziehst die Minuten wie Kaugummi Zwischen Zähnen Zwischen uns Jeder Blick ein kleiner Aufschub Jede Geste gut geübt Dumm und Zeit-Schinder Du rennst nicht Du dehnst Machst Stunden zu Splintern Bis keiner mehr geht Dumm und Zeit-Schinder Du lächelst und zählst Eins Zwei Immer länger Bis mein Widerstand fehlt Du tust Als wärst du müde Von all den halben Gesprächen Doch dein Gähnen ist Theater Ein geplanter Kleiner Frevel Du spielst träge Aber zielgenau Wie ein Jäger Der nie sprintet Du lässt alles etwas taumeln Bis der andre endlich hinkt Deine Fragen sind wie Knoten Sie lösen sich nie ganz Immer ein »später Vielleicht Immer ein »ich weiß noch nicht« am Rand Du schiebst Versprechen nach hinten Wie schmutziges Geschirr So lange Bis keiner mehr fragt Ob du es überhaupt noch spürst Ich seh dir zu Wie du wartest Auf den Punkt Der nie kommt Wie du jede klare Kante Mit Geschichten übertönst Du sagst Ich wär verbittert Weil ich Zahlen im Blick hab Wie oft du schon fast entschieden Wie oft du dich weichgeredet hast Und ja Ich halt dir die Uhr hin Seh Sand in deinem Hals Hör Wie du wieder verzögerst Obwohl du längst alles weißt Du ziehst die Minuten wie Kaugummi Zwischen Zähnen Zwischen uns Jeder Blick ein kleiner Aufschub Jeder Seufzer gut geübt Dumm und Zeit-Schinder Du rennst nicht Du dehnst Machst Stunden zu Splintern Bis keiner mehr geht Dumm und Zeit-Schinder Du lächelst und zählst Eins Zwei Immer länger Bis von mir nichts mehr fehlt (hey)
Interpretation
Kein Angriff – Verzögerung. Höflichkeit wird Tarnung, Pausen werden Fallen. Zeit wird gedehnt, bis Widerstand müde wird.
Der Erzähler erkennt das Muster und bleibt trotzdem: Gewöhnung statt Hoffnung. Verletzung entsteht durch Wartenlassen.
05 Auf Anschlag
Songtext
Meine Kopfhörer sind auf Anschlag Jedes Rauschen frisst den Rest der Welt Ich zähle keine Takte Nur Pulsspitzen in den Schläfen Fenster ziehen vorbei wie stumme Münder Autos schmieren zu langen Nervensträngen Irgendwo hupt jemand Ich hör nur ferne Sirenen im Synthgebrüll Dein Name löst sich Zwischen klickenden Zähnen Als hätt ich Funken unter der Zunge Und jeder Gedanke jagt den nächsten Bis sie alle stolpern Ein Haufen Stimmen im Tunnel Die mich schieben Stoßen Fordern Lauter Immer lauter Ich seh dein Profil im Spiegel der U-Bahn-Tür Dann nur noch mich Verschwommen wie durch Wasser Mein Herz schreibt Nachrichten in Morse Gegen meine Rippen Ein stummer Alarm Der sich nicht mehr beruhigt Meine Kopfhörer sind auf Anschlag (ich blende dich aus, ich such dich zugleich) Alles dröhnt Alles drängt Alles jagt Kein Atemzug bleibt mir allein Meine Kopfhörer sind auf Anschlag Jeder Ton ein sich schließendes Netz Wenn ich dich fast greif Reißt es mich weg Und die Lautstärke frisst den Rest Ich taste mich durch Straßennamen in deinem Chatverlauf Seh die Uhrzeit neben jedem blauen Haken Ein dünnes Protokoll von Mut und Schweigen Wie du schreibst"bin gleich da" Und dann stundenlang nichts mehr Nur das helle Glühen des Displays Wie ein Auge Das nicht blinzelt Das Beatgerüst zerbricht in meinen Ohren Kleine Pausen reißen Löcher in den Klang Dazwischen kriechen Erinnerungen Wie kalter Rauch unter Türen durch Deine Hand an meiner Schulter Dein Lachen Viel zu nah am Mikro Dein"warte kurz" Das sich ewig zieht Ich renne innerlich Ohne einen Meter Boden zu gewinnen Dieser Tag ist eine enge Kette Jeder Moment schnappt in den nächsten Ich hör dein altes Lieblingslied Versteckt im Rauschen Ein Fragment deines Atems im Hall Und während draußen Menschen reden Rufen Lachen Press ich die Muscheln tiefer an die Ohren Als könnte ich mich darin vergraben Bis nur noch der Takt meiner Angst bleibt Auseinandergerissen Wieder zusammengesetzt In kleinen Stößen Die mich treiben Treiben Meine Kopfhörer sind auf Anschlag (ich blende dich aus, ich such dich zugleich) Alles dröhnt Alles drängt Alles jagt Kein Atemzug bleibt mir allein Meine Kopfhörer sind auf Anschlag Jeder Ton ein sich schließendes Netz Wenn ich dich fast greif Reißt es mich weg Und die Lautstärke frisst den Rest
Interpretation
Übergänge statt Orte: Tunnel, Spiegel, Chatprotokolle. Lautstärke wird Grenze, Rauschen wird Orientierung.
Nähe wird zu Protokoll (Uhrzeiten, Haken). Pausen reißen Löcher, Erinnerungen kriechen hinein. Übrig bleibt Takt der Angst.
06 Jagd im Neonflur
Songtext
Dein Name Wie ein Fehler im System Flackert auf Geht wieder weg Schritte hinter mir Zu nah Zu leise Wände rücken ein Kein Platz zum Schreien Mund voller Luft Doch sie bleibt stehen Wörter wie Glas Ich spür sie nur drehen Ich renn im Kreis Doch komm nicht an Zu müde zum Fallen Zu leer für Kampf Deine Schatten fressen meinen Mut Ich halt die Luft an Halt die Luft an Ich renn im Kreis in meinem Kopf Kein Ausgangsschild Nur diese Wand Ich bin so klein in deiner Flut Ich halt die Luft an Halt die Luft an Deine Hand an meiner Kehle Auch wenn du mich nie berührst Deine Sätze sind Befehle Die mein letzter Rest gehorcht Ich schau auf meine Finger Seh sie nicht mehr zu mir gehörn Wie ein Statist im eignen Körper Ich kann nur zusehn Mich verliern Ich renn im Kreis Doch komm nicht an Zu müde zum Fallen Zu leer für Kampf Deine Schatten fressen meinen Mut Ich halt die Luft an Halt die Luft an Ich renn im Kreis in meinem Kopf Kein Ausgangsschild Nur diese Wand Ich bin so klein in deiner Flut Ich halt die Luft an Halt die Luft an Wenn ich laut wär Würd ich flüchen (leise) Doch ich sprech nur in mir drin Jedes Nein wird leiser Leiser Bis ich selbst nicht sicher bin
Interpretation
Klaustrophobie ohne Knall: Neon, Flackern, Schritte. Bedrohung wirkt körperlich, auch ohne Berührung.
Das Nein wird kleiner, Atem wird angehalten. Entfremdung setzt ein: Statist im eigenen Körper.
07 Wiedergeburt im Grau
Songtext
Staub in meinen Haaren Asche auf der Haut Straßen wie vernarbt Und der Himmel ausgebrannt Dein Name im Beton Halb verwischt Halb Gebet Ich atme rostige Luft Und spüre Wie da etwas geht Ich werd' neu In diesem Ende Unter Sirenen Unter Rauch Aus den Rissen meiner Hände Wächst ein leiser Wilder Traum Ich werd' neu Im Fall der Städte Alles brennt und ich auch Doch im Flimmern dieser Kälte Steh ich auf Steh ich auf Lichter sind nur Fehler Kurz da Dann sofort weg Schritte hinter Mauern Jemand folgt mir durch das Heck Mein Schatten zuckt versetzt Wie ein fremder zweiter Mann Doch in meinem hohlen Brustkorb Geht ein kleiner Motor an
Interpretation
Nach dem Zusammenbruch: Grau als Zustand danach. Nicht Hoffnung, sondern Selbstbewegung startet – „kleiner Motor“ statt Erlösung.
Aufstehen während alles brennt: Haltung entsteht in der Kälte, nicht nach der Kälte.
08 Schamlos
Songtext
Dein Blick in meiner Tür Halb offen Atmen prallt an die Tapet'n Wie Regen Du sagst Du willst nur reden Aber du gehst schon weiter rein Deine Finger finden Spuren Die du selbst gelegt hast Schamlos Wie du meine Grenzen klaust Immer noch Wenn du meinen Namen rauchst Schamlos Jeder Schritt ein Überlauf Du jagst mich durch mein eignes Haus Dein Lachen bleibt im Flur Zerschnitten Du stellst mir jede Frage Als wär's Zufall Du kennst doch jede Antwort Bevor ich irgendwas erklär Du ziehst an meinem Zweifel Wie an einem Faden mehr (oh) Schamlos Wie du meine Grenzen klaust Immer noch Wenn du meinen Namen rauchst Schamlos Jeder Schritt ein Überlauf Du jagst mich durch mein eignes Haus Du gehst auf Zehenspitzen Und trittst doch voll in mich rein Du nennst es nur ein Spiel Ich nenn es mich entkleid'n Kein Urteil in dein'm Atem Nur Anspruch Nie Verzicht Du sagst"Ich seh dich ganz" Und übermalst mein Gesicht Schamlos Wie du meine Grenzen klaust Immer noch Wenn du meinen Namen rauchst Schamlos Bis mir meine Stimme raucht Und du durchs Flüstern weiterlaufst
Interpretation
Der intimste Raum: Zuhause. Eindringen geschieht mit Selbstverständlichkeit, nicht mit Lautstärke. „Nur reden“ bewegt sich schon weiter.
Scham liegt darin, dass Grenzen ignoriert werden. Haus wird zur Verfolgungsfläche – Stimme raucht vom Flüstern.
09 Wenn ich mich höre
Songtext
Ich laufe Kreise in meinem Kopf Jag mich selbst durch jeden Takt Alle reden Alle reden laut Ich bin stumm Bis einer sagt Da drin steckt doch irgendwas Irgendwo ein offner Klang Doch ich hör nur diese Fragen Keinen Anfang Keinen Gang Wenn ich mich hör In meinen eigenen Zeilen Dann werd ich ruhig Kann in mir selber verweilen Wenn ich mich hör Und jede Wunde klingt klar Vielleicht bin ich Vielleicht bin ich wirklich da Deine Blicke wie Sirenen Ziehen mich aus meiner Spur Renn vor meinem Schatten weg Atme flach Such eine Tür Alle Stimmen jagen hinterher Fordern eine Melodie Ich verlauf mich in den Räumen Doch da vibriert was tief in mir Wenn ich mich hör In meinen eigenen Zeilen Dann werd ich ruhig Kann in mir selber verweilen Wenn ich mich hör Und jede Wunde klingt klar Dann bin ich frei Dann bin ich mir endlich nah
Interpretation
Der erste Stillstand im Album: nicht reagieren, sondern zuhören. Eigene Zeilen werden Ort statt Beweis.
Der Lärm bleibt – verliert aber Macht. Wunden klingen klar: nicht geheilt, aber ehrlich.
10 Stopp’ mich
Songtext
Ich red schon wieder leise mit mir Im Flur Im Spiegel Im Displaylicht Gleiche Dialoge Anderes Gesicht Jede Frage fällt zurück auf mich Wie ein Gummiband Das niemals reißt Alles bleibt im Schädel Alles bleibt im Kreis Stopp Mich zu reden Ich schreib es in ein Lied Lass andere entscheiden Ob es sie zerbiegt Stopp Mich zu reden Ich leg's euch auf die Haut Ihr dürft selber wählen Ob es euch verbrennt Verbraucht Ich mal die Zweifel an jede Wand Silben wie Kratzer in meinem Bett Schneid mir die Sätze Doch sie kommen zurück Komplett Wie oft kann man fallen im Kopf Ohne dass der Körper es merkt Ich trag euch die Stürze Wenn ihr sie euch anhört
Interpretation
Unterbrechung nach innen: der innere Dialog wird ausgelagert. Text wird Übergabe – ohne Trost, ohne Führung.
Der Hörer entscheidet selbst, wie nah er kommt: zerbiegen, verbrennen, verschlingen – oder abprallen lassen.
11 Millionen Wörter
Songtext
Dein Blick Trifft mich mitten im Lauf Braune Augen Ruhiger Schlaf Und ich renn Doch ich prall nur an dir ab Jeder Satz Fällt mir schwer in der Luft Tausend Seiten Weißes Papier Meine Zunge klebt an dir Million Wörter Kein Gefühl Alles staut sich Bleibt in mir Wenn ich in deine braunen Augen fall Wird meine Sprache still Brutal
Interpretation
Sprache versagt nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss. Nähe ist ruhig – und genau deshalb überwältigend.
Der Blick fixiert, ohne zu fordern. Kontrolle bricht nicht spektakulär, sondern leise: Stummheit bei vollem inneren Rauschen.
12 Keiner geht ran
Songtext
Du trägst die Welt In deiner Hosentasche Display hell Doch du bist immer"später Später" Dein Name leuchtet Ich seh dich online Ich schreib"bist du da?" Seh nur die grauen Haken Alle haben'n Handy Doch keiner geht ran Jeder immer erreichbar Aber nie irgendwann Wir sind ständig am Suchen Ständig am Fliehn Alle können sich melden Doch keiner will's tun
Interpretation
Sichtbarkeit ohne Anwesenheit: Status, Haken, „später“. Verbindung wird simuliert, Verbindlichkeit vermieden.
Mauern aus Glas: man sieht hindurch, kommt aber nicht durch. Ende als Feststellung: senden können – und trotzdem allein sein.
13 Marionette (Teil 1)
Songtext
Ich schreib ein Buch Seite für Seite Wie du Zwischen den Zeilen Rennt mir die Zeit davon Ich nenn es"Marionette" Fäden aus Tinte Aus Rauch Zieh an Gefühlen Bis keiner mehr lügt Bau mir 'ne Bühne Aus brennender Luft Spiel meine Wahrheit So leise So roh Marionette Ich zieh an mir selbst Ich lass mich gehen Mach dir ein Bild von mir Und sieh Wie die Masken verdrehen Mach deinen Traum doch wahr Oder spiel ihn Bis du selbst dran glaubst Marionette Fake es Bis du fliegen kannst
Interpretation
Keine Opferfigur, sondern bewusste Konstruktion: Bühne wird gebaut, Fäden werden sichtbar gemacht (Tinte/Rauch).
„Fake es…“ als Methode: Identität entsteht über Spiel, Wiederholung, Mut zur Darstellung – bis etwas Echtes entsteht.
14 Unter deiner Haut
Songtext
Du sagst Es ist nur Farbe Ein kleiner Stich Ein kurzer Rausch Doch nachts Wenn alles schläft Kribbelt es wieder Kriecht aus dir raus Dein Spiegel kennt die Zeichen Er sieht mehr als nur dein Blick Jede Linie Jeder Schatten Zieht dich Stück für Stück zurück Es ist unter deiner Haut Tiefer als du denkst Tiefer als du glaubst Du kannst es nicht mit Wasser abwasch'n Egal Wie fest du reibst Wie lang du schaust Es ist unter deiner Haut Und der nächste Stich ist schon so nah
Interpretation
Körper als Archiv: nichts lässt sich abwaschen. Nicht Moral, sondern Bindung – Entscheidungen bleiben als Linie und Druck.
Die Nadel ruft leise (Schaufenster/Wände), Skizzen liegen bereit: Fortsetzung als Dauer, Jahr für Jahr.
15 Marionette (Teil 2)
Songtext
Schreib ein Buch Zeile für Zeile Lüg dir die Wahrheit Gerade zurecht Nenn es"Marionette" Deine Finger Ziehen Fäden Durch jede Nacht Du rennst dir Bilder In den Kopf Bis sie echt sind Oder fast Mach dir deinen Traum (zur Wirklichkeit) Oder fälsch ihn Bis er passt Make your dream come true Oder fake it till you make it Dein Herz spielt die Rolle Bis die Rolle dich spielt
Interpretation
Teil 2 ist Spiegel: Wahrheit wird „gerade“ gezogen, Bilder werden so lange wiederholt, bis sie wirken.
Gefahr der Selbststeuerung: Herz spielt Rolle – bis Rolle Herz spielt. Bühne: Gold/Staub, Sichtbarkeit unter Spannung.
16 Geh’ mir aus den Augen (Verpiss’ Dich) (Anschlag Version)
Songtext
Deine Jacke liegt noch über meinem Stuhl Riecht nach irgendwas Zwischen billigem Mut und zu viel Nacht Du lehnst im Türrahmen Tust so Als hättest du alle Zeit der Welt Dein Blick gräbt sich ein Wie ein stumpfes Messer in weiche Haut ... Du kriegst genau das Was du mir gelassen hast
Interpretation
Keine Verhandlung mehr: dieselben Bilder, aber härter gesetzt. Der Song verweigert jedes „saubere Ende“ als Nachnutzung.
„Ich schulde dir gar nichts“: kein Frieden zum Zitieren, kein Fazit zum Reinwaschen – nur Konsequenz.
17 Auf Anschlag (Special Version)
Songtext
(selber Text wie Track 05 – andere Vertonung/Klang)
Interpretation
Kein zweiter Versuch, sondern Nachhall: gleicher Zustand, andere Entfernung. Außenwelt wird Fläche, Rauschen dichter, Pausen deutlicher.
Finale ohne Schnitt: Hochspannung klingt aus, nicht als Lösung, sondern als ehrlicher Dauerzustand.

